Angst ist eine der ältesten und zugleich aktuellsten Erfahrungen des Menschen. Sie begleitet uns vom ersten Atemzug bis zum letzten Blick - als Warnsignal, als Schatten, als Triebkraft. Angst schützt, lähmt, inspiriert und manipuliert. Sie ist biologisch verankert, kulturell geformt und individuell erlebt.
Der Mensch teilt mit den Tieren die Amygdala-Angst: jene archaische Alarmreaktion auf unmittelbare Bedrohung. Sie ist biologisch, situativ, überlebensnotwendig. Doch der Mensch kennt eine zweite Angst, die Tiere nicht kennen: die Kopf-Angst. Sie entsteht aus der Fähigkeit zur Antizipation und Symbolisierung. Wir wissen, dass wir sterben müssen - und dieses Wissen, verdrängt und doch wirksam, erzeugt eine permanente Zukunftsangst. Nicht der Löwe vor uns, sondern der Schatten des Endes hinter erzeugt in uns Angst.
Angst ist kein Fehler, sondern eine Form des Lebens. Sie ist der Preis der Möglichkeit, der Schatten der Freiheit. Wer sie verdrängt, verliert Orientierung. Wer sie versteht, gewinnt Spielraum. Dieses Buch lädt ein, Angst nicht als Feind, sondern als Lehrmeister zu betrachten - kritisch, poetisch, praktisch.